Emotionale Intelligenz als Schüssel
Der souveräne Umgang mit Verlust und Trauer
Von Sylvia Wichmann – Expertin für Trauerbegleitung
Im Trauerfall Haltung bewahren – aber zu welchem Preis?
Du kennst die Regel: Haltung bewahren. Im Job, in Krisen, im Aufbau deines Lebens. Der moderne Mann soll belastbar sein, kontrolliert, souverän – Souveränität ist die inoffizielle Währung unserer Zeit.
Doch was geschieht, wenn das Leben plötzlich eine Grenze setzt? Wenn der Tod eines geliebten Menschen deine innere Architektur zum Einsturz bringt? Die alte Schule sagt: zusammenreißen, weitermachen, funktionieren. Doch wahre Stärke liegt nicht in Verdrängung, sondern in der Fähigkeit, die eigenen emotionalen Prozesse bewusst zu steuern.
Wer seinen Schmerz ignoriert, wird von ihm gesteuert. Und das ist der schlechteste Führungsstil überhaupt – im Leben wie im Business.
Die Masterclass der Emotionen: Zwischen Trauer und Aktionismus
Viele Männer reagieren auf Verlust mit Aktion. Sie organisieren, planen, arbeiten. Machen statt fühlen. Kurzfristig kann das stabilisieren – langfristig ist es ein Risiko.
Wenn Funktionieren zum Risiko wird:
- Der Konzentrations-Killer:
Unterdrückte Gefühle ziehen Energie. Konzentration sinkt, Entscheidungen werden unschärfer. - Die Reizbarkeit:
Ungeduld, Härte, innere Distanz. Genau der Stil, den du eigentlich vermeiden willst – im Job und privat.
- Die schleichende Erosion:
Zu viel Alkohol. Zu viel Arbeit. Zu viel Risiko.. Lösungen, die von außen wie Stärke aussehen – innerlich aber destabilisieren.
Trauer ist kein defektes Bauteil, das man ersetzt. Sie ist eine Aufgabe – eine, die strategisch angegangen werden darf, statt ignoriert zu werden
Der 5-Punkte-Plan für dein emotionales Re-Engineering
Pragmatisch, klar, umsetzbar – ideal für Männer, die handeln wollen, ohne sich selbst zu verlieren.
1. Das Ritual der Entladung
Kontrollierte Energie statt unkontrollierter Ausbrüche
Wut, Anspannung, Zerrissenheit – diese Energie braucht ein Ventil. Aber ein bewusstes.
- Wut-Sport:
30 Minuten intensives Boxen, Laufen oder Krafttraining. Nicht als Flucht, sondern als Transformation. - Schreib-Protokoll:
Was frustriert dich gerade am meisten? Schreib es kurz auf – und zerstöre das Blatt bewusst. Ein klares, sichtbares Ende eines belastenden Moments.
2. Das Side-by-Side-Prinzip
Reden ohne Druck
Viele Männer öffnen sich leichter, wenn sie nicht direkt gegenüber sitzen. Such dir einen Vertrauten, mit dem du wandern, Auto fahren oder Schach spielen kannst. Worte fließen leichter, wenn man nebeneinander geht – nicht frontal.
3. Recovery-Zonen
Pausen als nicht verhandelbare Termine
Trauer ist Arbeit. Und Arbeit braucht Erholung.
-
Eine Stunde abends: keine Mails, keine To-Dos, keine Ablenkung.
-
Erlaube dir, einfach zu sein – ohne etwas leisten zu müssen.
-
Regeneration ist keine Schwäche. Sie ist Teil deiner Leistungsfähigkeit.
4. Das Ehren-Projekt
Dem Verlust einen Sinn geben
Trauer lässt sich besser tragen, wenn sie Bedeutung bekommt. Nicht durch große Gesten, sondern durch kleine, persönliche Handlungen. Es geht nicht um Pathos – sondern um Sinn.
-
Einen Baum pflanzen
-
Einen Ort gestalten
-
Eine kurze Erinnerung aufschreiben
-
Einen Gegenstand bewahren
5. Der tägliche Stil-Check
Bin ich der Mann, der ich sein will?
Frag dich täglich: War ich heute fair, souverän und meinen Werten treu – trotz aller Belastung?
Wenn die Antwort nein ist, bedeutet das kein Scheitern. Es ist ein Hinweis. Und Hinweise sind dazu da, beachtet zu werden.
Der Königsweg: Externe Expertise zulassen
Ein souveräner Mann weiß, wann er Spezialisten engagiert: Anwälte, Ärzte, Architekten. Warum sollte deine Psyche weniger wichtig sein?
Wann Unterstützung sinnvoll ist:
Wenn die Kontrolle entgleitet
Ungesunde Kompensation, steigender Konsum, riskantes Verhalten. Ein Profi hilft dir, wieder Übersicht und Orientierung zu gewinnen.
Wenn der Körper Alarm schlägt
Schlafprobleme, Druck, diffuse Schmerzen. Du glaubst, es im Griff zu haben – dein Körper sieht das anders. Professionelle Begleitung hilft dir, diese Signale richtig zu deuten.
Wenn Isolation einsetzt
Du ziehst dich zurück, Beziehungen verlieren Tiefe und Wärme. Ein neutraler Blick von außen löst Muster, ohne Vorwürfe und ohne Drama.
Sich seiner Trauer stellen
Der wahre Gentleman-Move
Sich der Trauer zuzuwenden ist kein Rückzug. Es ist Führungsstärke – nach innen.
Souveränität ist unteilbar. Entweder du besitzt sie, oder du verlierst sie an unbewältigten Schmerz.
Sei der Architekt deines Lebens, auch in Zeiten, die dich herausfordern. Stell dich dem, was schmerzt – und finde zu einer Haltung zurück, die dich trägt.
Wenn du spürst, dass du einen erfahrenen Begleiter brauchst, suche das vertrauliche Gespräch.
Stärke beginnt dort, wo du den ersten Schritt machst.
Die Autorin
Sylvia Wichmann ist psychologische Beraterin, Trauerbegleiterin und systemischer Coach aus Hannover. Ihre Leidenschaft: Menschen in schwierigen Lebensphasen einfühlsam, klar und auf Augenhöhe zu begleiten. In ihrer Arbeit unterstützt sie Klientinnen und Klienten bei Themen wie Trauer, Trennung, Paarkonflikten, Familienaufstellungen oder Herausforderungen mit Kindern – stets mit Empathie, Offenheit und dem Blick für neue Perspektiven.
Mehr über Sylvia Wichmann und ihre Arbeit finden Sie auf ihrer Webseite:
www.psychologische-beratung-list.de






Keine Kommentare