Bewusster beobachten
Fürchterlicher Fotowahn: Wenn das Bild den Moment ersetzt
Es gibt Orte, die nach Stille verlangen. Nach einem tiefen Atemzug, nach einem stillen Lächeln, nach einem Blick, der einfach nur schaut. Und dann gibt es Orte, an denen Smartphones im Dauerfeuer klackern, Displays aufleuchten und der Augenblick nur noch Rohstoff für den nächsten Upload wird. Willkommen im Fotowahn der Smartphone-Welt — der Ära des permanenten Festhaltens. Der Gentleman-Blog zeigt, warum auch beim Knipsen weniger mehr ist.
Der Zoo als Spiegel unserer Zeit
Ein sonniger Tag im Berliner Zoo. Familien schlendern entspannt durch die Anlagen, Kinder lachen, irgendwo riecht es nach Waffeln. Ein friedlicher Ort — eigentlich. Wäre da nicht das unaufhörliche Piepsen elektronischer Geräte. Vater, Mutter, Kind — jeder mit Kamera, Handy oder knallbunter Kinderkamera bewaffnet. Der Panda sitzt seelenruhig im Gehege. Nur: Niemand sieht ihn wirklich.
Es ist ein absurdes Schauspiel. Drei Menschen halten simultan das gleiche Motiv fest — ohne es auch nur einen Augenblick bewusst wahrzunehmen. Kaum sind die Bilder im Kasten, zieht die Familie weiter. Nicht der Moment zählt, sondern die Jagd nach dem nächsten Motiv. Das Smartphone ist zur digitalen Prothese geworden: sehen, speichern, weiterlaufen.
Die Illusion der Erinnerung
Viele dieser Fotos landen später in irgendeiner Cloud, in einer endlosen Galerie aus nahezu identischen Motiven. Man wird sie vermutlich nie wieder ansehen. Und doch zerstört das Fotografieren genau das, was man zu bewahren glaubt: den Moment selbst.
Denn wer permanent durchs Objektiv lebt, ist nie wirklich anwesend. Gedanken, Gefühle, Gerüche, Nuancen — all das lässt sich nicht in Megapixel pressen. Echte Erinnerungen entstehen nicht durch das Drücken eines Auslösers, sondern durch Präsenz. Durch Erleben. Durch Stille. Durch das bewusste Aufnehmen mit Augen, Geist und Herz.
Das Paradox der Bilderflut
Und Hand aufs Herz: Braucht die Welt wirklich noch ein weiteres, mittelmäßiges Smartphone-Foto eines Löwen oder Cappuccinos? Exzellente Tier-, Reise- und Street-Fotografie gibt es im Netz millionenfach — technisch brillant, kompositorisch stark, emotional dicht. Dagegen wirkt der eigene Zooschnappschuss oft wie eine blasse Kopie. Und ist da noch die steigende Zahl der immer besser werdenden KI-Bilder…
Doch zum Glück zwingt heute kaum noch jemand seine Familie zur abendlichen Dia-Folter. Damals war das ritualisiert — heute würde es vermutlich niemand über sich bringen, die Urlaubs- oder Zoobilder in epischer Breite zu präsentieren. Vielleicht auch deshalb, weil man spürt: Sie erzählen eigentlich wenig.
Fotografie ist großartig – doch Präsenz ist größer
Das ist kein Plädoyer gegen Fotografie. Im Gegenteil. Wer mit Leidenschaft, Auge, Ruhe und einer guten Kamera arbeitet, wer Motive gestaltet statt sie nur abzufeuern — der kultiviert ein wunderbares, anspruchsvolles Hobby. Gute Fotografie ist Aufmerksamkeit. Wahrnehmung. Kontemplation.
Was problematisch ist, ist der Reflex. Das ununterbrochene Knipsen, das Getriebensein, die Angst, etwas zu verpassen — während man es gerade verpasst. Der Mann, der ständig sein Smartphone zückt, statt seinem Gegenüber in die Augen zu sehen, wirkt nicht weltläufig, sondern kindisch. Ein Gentleman kontrolliert Geräte. Nicht umgekehrt.
Der wahre Luxus: Einfach da sein
Vielleicht ist der eigentliche Fortschritt heute nicht die Technik. Sondern die Fähigkeit, sie beiseitezulegen. Einen Sonnenuntergang zu sehen, ohne ihn sofort zu „teilen“. Ein Gespräch zu führen, ohne dass ein Bildschirm zwischen den Menschen schwebt. Ein Tier zu beobachten — einfach so.
Der Moment gehört dem, der ihn erlebt. Nicht dem, der ihn archiviert. Und manchmal ist die eleganteste Geste die, bewusst kein Foto zu machen.
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Artikelthese stimme ich voll zu, lustig ist aber der letzte Satz „Ein Gentleman sollte in dieser Hinsicht endlich erwachsen werden und die “Game Boy”-Phase hinter sich lassen“ vor dem Hintergrund, dass der Autor inzwischen laut XING für Yps mit Gimmick schreibt.
Als ich vor Jahren am Grand Canyon war machte ich kein Bild, da ich als Fotojournalist so viele Bilder zu machen hatte, dss ich ium Urlaub nur „Erinnerungen“ aufnahm.
Toller Beitrag, der auch in vielen Punkten wirklich zutrifft.
Allerdings distanziere ich mich von den Äußerungen, das heutige Handys, Smartphones oder Mini Cams nicht wirklich brillante Bilder produzieren können.
Allerdings stimme ich dem Beitrag zu, dass man die Momente auskosten und nicht für sinnloses geknipse verplempern soll.
MFG
Das Polaroid sollte man eben NICHT schütteln, da dadurch die Enwicklungsemulsion ungleich verreit wird. Einfach warten.
Da fällt mir doch das gute alte Polaroid Bild ein, wo man noch 3 Minuten schütteln musste, bevor das Bild zu sehen war.
Wunderbarer Artikel, der es genau auf den Punkt bringt! Vielen Dank!
Toller Artikel und zu 100% die Wahrheit.
Es ist schon unglaublich, wenn man mal darüber nachdenkt, wie viel digitalen Schrott wir in heutiger Zeit (Fotos, Tweets, Facebookeinträge,…) produzieren.
Diese art des Sehens erlebe ich immer wieder in Museen, wo fotographiert werden darf. Einelne Kunstwerke werden schon fast im vorbeigehen mitfotographiert. Ein ernsthaftes auseinandersetzen mit den Objekten findet nicht mehr statt.
Danke für den Artikel!
Toller Artikel, werde ich auf jeden Fall auf meinem Blog verlinken..
und ihr habt vollkommen Recht….mittlerweile ist das Fotografieren zu einer Art „Have-to“ geworden, man knipst und knipst doch anschauen tut man die Bilder eh nicht mehr, sie sind auch nichts besonderes, also warum sollte man es tun?
Hihi, ich war vor einer Woche auch im Tierpark und mir schossen die gleichen Gedanken durch den Kopf. Schöner Artikel!
Beste Grüße
Vielen Dank! Dieser Artikel spricht mir aus dem Herzen.